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Halbzeit

Warteschlange. Ein einziges Wort - seit Jahren meine persönliche Hasskappe. Man stelle sich vor, man ist Kunde der ersten Stunde bei einem großen Mobilfunkanbieter. Da wird man selbstverständlich zuvorkommend und absolut wie der König behandelt. Gut, vielleicht hätte man mir sagen müssen, dass es sich dabei um den König Tutanchamun handelt. Denn der hängt sicher auch noch in der Warteschleife seines örtlichen Callcenters. Örtlich? Ja, denn bei jeglichem Anliegen wird man flugs quer über die Schweiz, Italien und das Mittelmeer nach Kairo verbunden.

Gut, hätte ja nichts dagegen, wenn dort dann wenigstens Zündie aus Bitterfeld an den Apparat gehen würde. Aber nein - es scheint die Simultanübersetzerin vom Pharao persönlich zu sein. Denn ich verstehe sie einfach absolut nicht. Vielleicht liegt es auch am Tinnitus, den ich nach 237 Minuten Warteschleife habe. Aber als ich neben meiner freundlich angebrachten Bitte nach etwas dem Deutschen ähnlichem, nun auch noch anbringe, dass ich die Zeit schon etwas am Rande des Erträglichen finde, raunzt mich diese verkappte Sphinx an, ob ich unterzuckert wäre.

Ich denke, verdammt, jetzt hört die schon die Putenbrust durch den Hörer. Ehrlich wie ich bin, bejahe ich dies. Und habe das Gefühl, dass sich nun die Messer in ihrem Streitwagen ausfahren und sie mich gleich in Stücke reißt. In wundervollstem Rütlideutsch werde ich nach meinem rektalen Befinden gefragt. "Alter, hast Du offen?" - Ja gut, man stelle sich vor, dem wäre nicht so. Da hilft dann auch kein Mundwasser mehr. Das findet sie nun absolut nicht witzig und möchte mehr über ihren Gesprächspartner in Erfahrung bringen. "Was glaubst Du, wer Du bist, ey?"
Mein Vater hat uns schon sehr früh dazu erzogen, artig bei jedem Telefonat den Vor- und Nachnamen zu nennen, ergänzt mit einer tageszeitabhängiger Begrüßung. Also fange ich an.

"Schön, dass Sie fragen. In letzter Zeit ist es nämlich so, dass durch meine sozial-medialen Aktivitäten meine Umwelt, von Familie über Freunde bis Bekannte, jeder der Meinung ist, über mich informiert zu sein. Doch in Wahrheit lesen sie nur meine Posts, Artikel und Beiträge. So richtig nachfragen tut niemand. Das Telefon telefoniert sozusagen diese Woche jungfräulich und exklusiv nur mit Ihnen."

Sie ist nun hörbar voll im Gespräch. Schön, wenn sich jemand dessen annimmt, was ich erzähle. Ich denke, es ist reiner Kundenservice, denn sie entgegnet mir nun - "Sag mal, bist Du behindert?"

"Eines nach dem anderen. Ich bin 35 Jahre alt, Single, allein lebend und nutze meinen Telefontarif vornehmlich mit vielen GB Datenvolumen, sowie einer recht günstigen Telefonflat. Eine Behinderung liegt nicht vor. Oder gibt das irgendwelche Ermäßigungen?"

"Du bist doch gestört, Alter"

"Nun, so gut kennen wir uns jetzt auch nicht. Aber eine gewisse Affinität zu Dingen, die andere nicht alltäglich finden, kann ich jetzt nicht verleugnen. Aber gestört ist seit Tagen lediglich der Internetzugang."

Es ist ja mein Verkaufstalent, immer wieder auf den Punkt zurückzukommen. Jemanden auf eine Reise mitnehmen, bildlich sprechen, Visionen schaffen um dann knallhart zu meinem Anliegen und meinen Absichten zu kommen. Doch sie ist schneller.

"Ey Mann, wenn Du denkst, dass das Kackgespräch aufgezeichnet wird, liegst Du falsch. Mir egal was mit Dein Internet so ist."

Um auch zu erfahren, wer mich nun inklusive Warteschleife seit 288 Minuten beschäftigt, frage ich die Stimme nach ihrem Namen.

"Erika Müller."

Natürlich. Erika Müller mit südeuropäischen Vorfahren, die durch ein böses Verschleppen die Gute nicht nur um die Kinderstube, sondern auch die Muttersprache gebracht hat. Man hört ja immer wieder von solch Traumadingern. Aber ich will meine Chance auf den Echtnamen nicht verspielen. Also frage ich nach einem erneuten Verweis auf mein Anliegen, wann ich denn mit einem Rückruf rechnen könne. In spätestens 48 Stunden sagt sie. Und dann die Wende...

"Ich leite mein Telefon in mein Sekretariat um. Müsste noch wissen, wer zurückruft, damit meine Frau Schulze gleich bescheid weiß, um was es sich handelt."

"Onur XYZ (Name geändert) - ich rufe selber zurück."

Tätärätä - die blöde Nuss. Da hab ich nun den richtigen Namen und muss kurz lachen. Nun hat auch sie geschnitten, was Phase ist und poltert los.

"Ey jetzt mal ährlisch - du bist doch so eine fette alte Schwein vor PC und brauchst Internet für Porno."

Fast - na ja, fett nun nicht unbedingt. Dicklich. Jedenfalls vor zwei Wochen. Zum Start meiner Bachelorchallenge. Denn heute ist Halbzeit. Halbzeit einer ganz schönen Entbehrung.

Also wurde während dieses Gesprächs, aus welchem ich dank der liebevollen Onur noch 50 Euro Gutschrift von ihrem Vorgesetzten bekommen habe, die Waage bemüht. Natürlich nach dem Abwurf aller Klamotten - Onur hätte ihre Freude gehabt. Jedenfalls, wenn sie die Fotos von vor zwei Wochen gesehen hätte.

Denn nach einem Startgewicht von 116,5 Kilo, dem Zwischenergebnis von 111,0 Kilo nach der ersten Woche, sind nun noch einmal 4,5 Kilo runter. Also unglaubliche 10 Kilo. Wenn ich ehrlich bin, sehe ich das im Moment zwar erst an der Hosenweite und im Gesicht, die klassische Sofawampe ist aber noch da. Nicht mehr ganz so dramatisch - aber noch da. Es sind ja aber noch einmal zwei Wochen vor mir. Und dann, dann würde ich Onur nochmal anrufen wollen, um ihr zu sagen, dass ich jetzt nur noch ein altes Schwein bin. Ok - Pute, Huhn, Fisch. Der Dramaturgie wegen...

23.2.15 18:39

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